Momentan am Lesen – Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch

Liao Yiwu

Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch

Fischer Verlag / Gebunden / 496 Seiten

Liao-Yiwu+Die-Dongdong-Tänzerin-und-der-Sichuan-Koch-Geschichten-aus-der-chinesischen-Wirklichkeit

 

Inhalt und Meine Bewertung 

Inhalt

Spannende und unmittelbare Einblicke in das wahre China von heute.
Nichtstuer, Künstler, Haschischforscher, Erdbebenmütter, Mörder, Prostituierte – über Jahre hinweg hat der Friedenspreisträger Liao Yiwu faszinierende Geschichten und Schicksale gesammelt, die er zu einem eindrücklichen Portrait des anderen, des nicht offiziellen Chinas verdichtet.
Während Liao Yiwu in seinem hochgelobten Buch »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser« sein Augenmerk auf den Zusammenprall politischer Wirklichkeit mit jahrtausendealten Traditionen richtete, berichtet er nun eindrücklich von der chinesischen Gegenwart. Wieder gelingt es Liao Yiwu, Menschen zum Erzählen zu bringen und so die Lebenswirklichkeit eines großen Teils der chinesischen Gesellschaft zu dokumentieren, die sonst für immer im Dunkeln bliebe. Einzigartige Geschichten aus der Mitte der chinesischen Gesellschaft.
»Ein chinesischer Schriftsteller, der sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht. Liao Yiwu setzt in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal. Der Autor, der am eigenen Leib erfahren hat, was Gefängnis, Folter und Repression bedeuten, legt als unbeirrbarer Chronist und Beobachter Zeugnis ab für die Verstoßenen des modernen China.«

Meine Bewertung

An fremden Ländern interessiert, und da mein Arbeitgeber auch ein Werk in China hat, zu dem ich irgendwann auch muss, dachte ich, daß dieses Buch gute Einblicke in ein sehr facettenreiches und uns manchmal verborgenes Land geben kann.

Das Buch ist eine Aufzeichnung vieler Gespräche und Interviews mit ausgewählten „normalen“ Personen. Die Geschichten, die dabei erzählt werden, sind so überhaupt nicht gewöhnlich sondern zeigen sehr wohl das chinesische Leben in einem Spiegel dar, welches der Westler so nie oder nur schwerlich erleben würden. Es werden in dem Buch zwar viele Metapher und Verweise auf andere chinesischen Autoren und Philosophen verwendet, aber diese Querverweise überlese ich geflissentlich. Selbst bei deutschen Hinweisen auf Grillparzer, Mythen & Co stelle ich auf „ignore“ und überlese diese Stellen.

Das erste Interview beginnt mit einem „Gläubigen“, der schon alle Religionen durch gelebt hat und zum zweiten Male Christ geworden ist. Hier war ich sofort erschrocken, ob ich überhaupt das Buch weiterlesen werde. Aber die einzelnen Interviews gehen meist um die 20 Seiten, so daß ich ungestört weiterlesen und in diese mir fremde Welt eintauchen konnte. Dabei geht es wie in allen Gesellschaften um Arbeit, Familie, Liebe und… wichtig Essen.

Die Dongdong Tänzerin erzählt von den rauen und ertragreichen Nächten in chinesischen Luftschutzbunker (siehe Leseprobe), in denen es massiv zu sexuellen Handlungen auf Tanzflächen kommt, ein Restaurantbesitzer und Sischuan-Koch erzählt über die Faktoren, warum es immer schwieriger wird, ein Restaurant zu führen und warum er aufgibt.

Es gibt aber einzelne Kapitel, Interviews, die verstörend und zutiefst abstoßend sind. Manchmal stockt dabei einem der Atem und man überlegt sich, ob der Autor einem einen Bären erzählt, oder ob es wahr sein könnte, dass so etwas geschehen kann . Und wenn es bisher das Sprichwort gab, „Chinesen essen alles was vier Beine hat, außer Tischen und Stühlen“, so wird dieses in diesem Buch ausdrücklich bestätigt.  So möchte ich zum Beispiel vom Lesen des Kapitels „Säuglingssuppe“ abraten.

Aber vieles kommt mir auch von den Erzählungen meiner Kollegen bekannt vor, die auch zutiefst verwundert waren, daß die gewonnenen Eindrücke von China so überhaupt nicht mit den kolportieren Geschichten des Landes zu tun haben. Gedanklich freuten Sie sich einheimische Restaurants, Garküchen, vorgefunden in einer großen, neugebauten, halbleeren Stadt wurden aber nur unzählige Kentucky Fried Chicken Restaurants und gebratene Nudeln zum Frühstück und Abendessen in dem Hotel.
Das Buch hier erzählt, warum dieses so ist, und wo und wie das Leben in China wirklich stattfindet.
Ich glaube, ich bin meinen Kollegen einen Schritt voraus.

Leseempfehlung: 5 von 5 Sternen

Leseproben

Advertisements